Der Disput der Eroberer

Das Gewissen Seiner Majestät ist in größter Gefahr! Diese Warnung erhält König Karl I. am 3. Juli 1549 vom Indienrat – jener Kommission, die das Kolonialreich verwaltet: In seinem Namen verübten die spanischen Eroberer in Amerika schreckliche Verbrechen, statt die Indios friedlich zum katholischen Glauben zu bekehren, wie es ihre Aufgabe als Christen sei.
Karl I. (der zugleich als Karl V. Kaiser des römisch-deutschen Reiches ist) fürchtet daraufhin wohl um sein Seelenheil. Er befiehlt, alle Eroberungsfahrten zu unterbrechen, bis Gelehrte ihm Rat erteilen. Ein vermutlich einmaliger Entschluss: Auf dem Höhepunkt seiner Macht lässt der Herr über ein Weltreich sein Handeln hinterfragen.
Der König beruft einen Rat aus 15 Theologen und Juristen, die freimütig die Frage diskutieren sollen: Ist es gerecht, Krieg gegen die Indios zu führen, um sie zum katholischen Glauben zu bekehren und der spanischen Krone zu unterwerfen?

Am 15. August 1550 kommen die Gelehrten in einem Kloster der Residenzstadt Valladolid zusammen. Zwei einflussreiche Denker sollen ihnen ihre grundlegend unterschiedlichen Auffassungen erläutern: Juan Ginés de Sepúlveda und Bartolomé de Las Casas. Es ist der Höhepunkt einer heftigen Kontroverse, die die Gelehrten-
welt seit fast 50 Jahren spaltet.

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