Vergessene Sprachen

Am Fuße des Berges Sinai in Ägypten, hinter den Mau­ern des Katharinenklosters, lagern rund 4500 Hand­schriften – nur in der Vatikanbibliothek gibt es mehr. Es sind alte Manuskripte auf Griechisch und Latein, aber auch in teils ausgestorbenen Sprachen der Christen des Orients. Auf manchen Pergamentseiten, den sogenannten Palimpsesten, befindet sich eine zweite, ausgelöschte Schicht von Schrift unterhalb der sichtbaren. Claudia Rapp hat fünf Jahre lang mit Kollegen aus aller Welt diese verborgenen Schriften untersucht.
Frau Rapp, was ist ein Palimpsest?
Das ist eine alte Handschrift, die doppelt beschrieben wurde. Bei diesen Pergamenten wurde die untere Schreib­schicht ausgelöscht, um sie neu beschreiben zu können. Dies geschah durch Abwaschen mit einer Flüssigkeit, aber auch durch Abkratzen mit einem Messer oder einem Bimsstein. Es war eine Form des Recyclings, die immer dann verwendet wurde, wenn Beschreibstoff knapp war, besonders seit dem 9. Jahrhundert. Man löschte

Texte, die nicht mehr gebraucht wurden oder von denen schon mehrere Exemplare vorhan­den waren. Im Sinai Palimpsests Project haben wir diese unteren Schreibschichten auf mehreren Pergamenten wieder lesbar gemacht.
Woran erkennen Sie denn, dass sich unter einer Schrift noch eine andere verbirgt?
Indem ich das Pergament in die Hand nehme und anschaue…

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